Italowestern

Die legendärsten aller Western kommen, wie könnte es auch anders sein, aus Italien.

 

Italowestern, Spaghettiwestern, Eurowestern, es gibt viele Bezeichnungen für in Italien produzierte oder zumindest von italienischen Filmunternehmen und / oder Regisseuren auf dem alten Kontinent gedrehte Filme, die im Wilden Westen spielen. Sie waren imstande, einem festgefahrenen Genre frischen Wind zu verleihen.

Abkehr von klassischen Formen und Inhalten

Die goldenen Zeiten der Western-Filme waren vorüber, wie es schien. Die Blütezeit des amerikanischen Western war vorbei, zumindest des klassischen Western-Films mit seinen moralisierenden Botschaften und den Helden mit den ritterlichen Eigenschaften. Der in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufkommende Western aus Europa trat gewissermaßen eine zweite Kolonisierung des amerikanischen Westens los, die natürlich ganz anders ablief als die geographische Landnahme durch die Europäer.

Das Blut, das in diesem Falle vergossen wurde, war auch nur Filmblut, aber dafür in bis dato unbekannten Mengen: die italienischen Filmproduktionen wiesen eine in Hollywood unübliche Brutalität auf. Und auch die Wertesysteme wurden fundamental verschoben. War der Protagonist des klassischen Western in aller Regel der Cowboy mit dem sprichwörtlichen weißen Hut, der sich moralisch einwandfrei benahm – ein ehrenhafter Ritter wie in der Tradition des europäischen Romans, der sich selbstlos für die Schwachen einsetzte – so machte der Italowestern verstärkt Gebrauch von Antihelden, die tranken, launisch waren, auch mal den Falschen erschossen, eine lockere Sexualmoral aufwiesen, die ungepflegt daherkamen – ganz und gar nicht ritterlich also. Wie die in den wilden Westen versetzte Überzeichnung eines Bogart in der Chandler-Verfilmung "The Big Sleep". Gieriger, ungepflegt, expliziter gewalttätig und ohne Anzug.

Wo bleibt die Moral?

Auch wenn die staubige Westernstiefelette auch mal in des Opfers Gesicht landete, so heißt dies naturgemäß nicht, dass die Filme an sich unmoralisch waren, schlimmstenfalls insofern nicht-moralisch, als das sie nicht in überdeutlicher Sprache ein moralisches Vorbild aufzeigten. Stattdessen nutzten die Filme weidlich die Möglichkeit aus, Psychogramme der Figuren zu erstellen, soziale Ungerechtigkeiten zu zeigen und den Western vom Korsett der bürgerlichen Gesellschaft zu befreien. Der Italowestern spricht eine deutliche Sprache, ohne den Versuch zu unternehmen, den Zuschauer moralisch zu erziehen oder zu festigen – und nimmt sich dadurch die Freiheit, Sachverhalte anzusprechen, die in der klassischen starren Formsprache des Western eigentlich nicht darstellbar waren.

Auch stilistisch setzte man Maßstäbe: die Darstellung wurde immer realistischer und die Kameraführung experimentierfreudiger – man denke nur an den legendären Showdown in Sergio Leones "Spiel Mir Das Lied Vom Tod". Auch die Soundtracks, vor allem die von Ennio Morricone, setzten Maßstäbe. Selbstverständlich war aber auch beileibe nicht alles Gold, was aus Italien kam, und nicht alles reaktionär, was in Amerika produziert wurde: eine Schwemme billiger Produktionen kam auf den Markt – da ist viel Spreu dabei, die es vom Weizen zu trennen gilt. Und in Amerika kam in den Sechzigern der Spätwestern auf, der sich in ähnlicher Hinsicht wie der Eurowestern von den Klassikern absetzte.